Der Prophet Elias - Nr. IV

Juni 2021

Nach der Wettstreit-Szene im 3. Teil ist die Spannungskurve in diesem 4. Teil auf ihrem Höhepunkt, das Volk soll vom Dürre-Fluch erlöst werden.

Wie die Erlösung aus der Dürre kam sowie das heraufziehende Gewitter und das feierliche Dankgebet vom Volk und Elias, hören Sie im Hörbeispiel.

Auslegung zum Oratorium Elias von Felix Mendelssohn Bartholdy, Teil 4

Nach dem dramatischen Schauspiel auf dem Berg Karmel ist die Gottesfrage geklärt: Nicht Baal, sondern der Gott Israels, Jahwe, ist der einzige Gott.

Und der einzige Gott meint: In ihm liegt die Schöpfungsmacht, das Geschick der Welt und die Fähigkeit, die Natur nach seinem Willen zu lenken.

Gottes Wirken ist nicht einfach für sich selbst stehend, sondern immer schon sich in Beziehung setzend mit seiner Schöpfung, insbesondere in der Not:

„Und nach längerer Zeit, im dritten Jahr, erging das Wort des Herrn an Elija:

Geh, zeige dich Ahab, denn ich will regnen lassen auf den Erdboden.“ (1. Könige 18, 1)

Elia selbst ist „Werkzeug“ der Schöpfungsmacht Gottes und so versteht er seinen Beruf eben auch: Sprachrohr und Handelnder des Willens Gottes zu sein. Aber Elia ist hier nicht allein; er sucht und findet Hilfe bei dem Mann Obadja.

Wer ist Obadja? Er ist sowohl Finanzminister des Königs Ahabs als auch Anhänger der Prophetenschule des Elia:

„Obadja aber hatte große Ehrfurcht vor dem Herrn, und als Isebel die Propheten des Herrn ausrotten wollte, hatte Obadja hundert Propheten genommen und sie versteckt, je fünfzig Mann in einer Höhle, und er hatte sie mit Brot versorgt und mit Wasser.“

(1. Könige 18, 3b-4)


Gleichzeitig war Obadja seinem Dienstherrn, dem König Ahab, gegenüber loyal und pflichtbewußt, von der Not seines Volkes umgetrieben.

Ahab und Obadja verfolgten als „Team“ einen Rettungsplan:

„Der Hunger aber war groß in Samaria. Und Ahab rief Obadja, der dem Haus vorstand.

Und Ahab sprach zu Obadja: Geh zu allen Wasserquellen und zu allen Bächen im Land. Vielleicht findet sich Gras, und wir können Pferde und Maultiere am Leben erhalten und müssen keines der Tiere töten. Dann teilten sie sich das Land auf, um es zu durchziehen. Auf dem einen Weg zog Ahab allein, und auf dem anderen Weg zog Obadja allein.“

(1. Könige 18, 2-3a.5-6)


Und während des Suchens und Wanderns durch die Gegend muß Obadja dann zu seinem Glauben stehen: Elia selbst begegnet ihm und verlangt von ihm, sein Bote zu sein, die Begegnung zwischen Ihm, dem Elia und dem König anzukündigen.

Mit diesem Auftrag fühlt sich Obadja überfordert. War es denn sicher, daß Elia sein Versprechen einhalten könnte – bei der gefährlichen Lebenssituation, in der Elia lebte?

Elia bekräftigt seine Bitte und sein Vorhaben, dem Ahab wirklich zu begegnen – immer mit der Absicht, auch und vor allem dem König selbst klar werden zu lassen, wer der eigentliche König der Welt ist: Der Gott Israels.

Und so kommt mithilfe der notvollen Aufgabe des Obadja es dann zur entscheidenden Offenbarung Gottes am Karmel.

Obadja bietet also mit seinem Wirken den Übergang zum wirkmächtigen Handeln des Elia selbst.

Dies mag uns nun vor Augen sein, wenn wir im 19. Stück das Rezitativ hören, in dem Obadja den Elia mit den Worten bittet:

„Hilf deinem Volk, du Mann Gottes! Es ist ja doch ja unter den Heiden Götzen keiner, der Regen könnte geben; so kann der Himmel auch nicht regen; denn Gott allein kann solches tun.“

Vielleicht könnten wir hier von der Rolle des Obadja für uns etwas mitnehmen. Wir können uns gegenseitig um Hilfe bitten. Immer. Ohne Scheu seine eigene Grenzen zu beachten und die Gaben der anderen zu schätzen.

Immer mit dem Blick auf Gott, der hilft.

Und wie spannend Hilfe sein kann, lesen wir weiter in der Eliaerzählung:

(41)Und Elia sprach zu Ahab: Geh hinauf, iss und trink, denn schon hört man das Rauschen des Regens.

(42) Und Ahab ging hinauf, um zu essen und zu trinken, Elija aber stieg auf den Gipfel des Karmel, beugte sich zur Erde nieder und vergrub sein Angesicht zwischen seinen Knien.

(43) Dann sagte er zu seinem Burschen: Geh hinauf, halte Ausschau gegen das Meer hin. Und dieser ging hinauf, hielt Ausschau und sagte: Dort ist nichts. Er aber sagte: Geh noch einmal hinauf! Und dies sieben Mal.

(44) Beim siebten Mal aber sagte er: Sieh, eine Wolke, klein wie die Hand eines Mannes, steigt auf aus dem Meer. Da sprach er: Geh hinauf, sprich zu Ahab: Spann an und fahr hinab, und der Regen soll dich nicht davon abhalten.

(45) Unterdessen aber hatte der Himmel sich verfinstert mit Wolken und mit Sturm, und ein gewaltiger Regen setzte ein. Da stieg Ahab auf und fuhr nach Jesreel.

(1. Könige 18, 41-45)

Nun ist der König selbst ein auf Gottes helfendes und weisendes Wort Hörender. Gehorsam befolgt er Elias Befehl, sich rechtzeitig zu stärken.

Denn durstig und hungrig ist es schwerer, den die Natur rettenden und doch im Augenblick des Ereignisses gefährlichen Regensturm zu überstehen.

Elia sorgt sich um den König, der dann auch isst und trinkt.

Elia selbst isst und trinkt nicht, sondern widmet sich nun seiner Aufgabe vollständig und mit beeindruckend demütiger Körperhaltung ganz oben auf dem Berg: Zu Beten.

(42) Elia beugte sich zur Erde nieder und vergrub sein Angesicht zwischen seinen Knien.

Was für eine anmutige und innerlich bewegende Schilderung, wie Elia Gott selbst sucht. Gott weiß um das Anliegen des Elia, dies benötigt nur die Sprache des Herzens.

Allein diese Sprache hört Gott. Und so lässt er seinen eigenen Herzenswillen konkret werden – unscheinbar zunächst beginnend:

(44) Sieh, eine Wolke, klein wie die Hand eines Mannes, steigt auf aus dem Meer.

Um dann umso wirkungsvoll alle Zweifler und Pessimisten zu überraschen , wie schnell Gott die Lage wenden kann – wie ohne unser Zutun eben genau dies das Wunder ist: Gott lässt sich bitten und bewirkt Not-Wendendes – für alle.

Beten in der Not und das Erleben der Hilfe- das ist keineswegs automatisch einfach zu erzeugen. Es bedarf des Zutrauens, dass Gott lebendig für uns da ist – wenn auch unsichtbar in seiner Gestalt und eben „über uns“ im umfassenden Sinn.

Wir sind auf Gottes Hilfe Angewiesene. Wenn wir dies doch erkennen könnten.

Im 19. Stück wechseln sich nach dem Rezitativ, dem Hilferuf des Obadja, der Prophet Elia und das Volk im Beten ab und unterstützen sich hier gegenseitig.

Der „Knabe“ (so die Bezeichnung bei Mendelssohn), der da auf dem Gipfel des Karmel immer wieder nach Wolken Ausschau hält, ist dann so etwas wie der Seismograf, ob Gott die Betenden hört und erhört.

(43) Dann sagte Elia zu seinem Burschen: Geh hinauf, halte Ausschau gegen das Meer hin. Und dieser ging hinauf, hielt Ausschau und sagte: Dort ist nichts. Er aber sagte: Geh noch einmal hinauf! Und dies sieben Mal.

Mendelssohn lässt das Beten liturgisch einmünden in ein mehrfaches Bekennen der Sünden und der Bitte um Gnade – sprachlich wie Wellen bewegt.

Die äußere Not der Dürre ist eben auch verbunden mit der Not des Menschen, auf Gottes Vergebung der Sünden angewiesen zu sein. Das Beten selbst zeigt schon die Gegenwart Gottes.

Und diese Gewissheit drückt Mendelssohn mit Psalm 107,1 aus, der auch bei mancher Abendmahlsfeier am Schluss zugesprochen wird.

Die Not der Menschen und die Rettung Gottes verbinden den Propheten mit seinem Volk:

Hörbeispiel (bis 1:04) : https://www.youtube.com/watch?v=j-8h2wSxufg

mit der Spannung zum Gewitter

Der Knabe:Es gehet eine kleine Wolke auf aus dem Meere, wie eines Mannes Hand; der Himmel wird schwarz von Wolken und Wind; es rauschet stärker und stärker!

Das Volk: „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich.“

Elias: „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich!“


(Psalm 107, 1)

Und deshalb darf und kann über die Maßen hinaus Gott gedankt und gelobt werden:

Hörbeispiel (ab 1:04): https://www.youtube.com/watch?v=j-8h2wSxufg

Chor – Das Volk: Dank sei dir, Gott, du tränkest das durstge Land! Die Wasserströme erheben sich, sie erheben ihre Brausen. Die Wasserwogen sind groß und brausen gewaltig. Doch der Herr ist noch größer in der Höhe.


(Psalm 93:3-4)

 

Dirk Vanhauer, Pfr

 

 

 

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